[Rezension] Erstens bist du anders und zweitens bist du du - Maria Väth

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Nicht jedes Wiedersehen steht unter einem guten Stern. Schon gar nicht für Anette, die nach einem Autounfall im Wartezimmer des Krankenhauses zufällig auf Mick trifft, der sie früher in der Schule gehänselt hatte. Im ersten Moment scheint Mick seine ehemalige Mitschülerin jedoch gar nicht zu erkennen. Anette erfährt, dass er gerade seinen Onkel verloren hat, der seit dem Tod von Micks Eltern vor vielen Jahren wie ein Vater für ihn war. Kurzentschlossen springt sie über ihren Schatten und bietet ihm ihre Hilfe an. Mick lehnt zunächst ab, merkt aber bald, wie gut ihm Anettes Aufmunterungsversuche und auch der Umgang mit ihrer quirligen Tochter Emma tun. Allmählich kommen Anette und Mick sich näher. Als Mick dann jedoch von ihrem Geheimnis erfährt, steht seine Welt plötzlich Kopf …

Erster Eindruck hinterher? "Huch!" Ja, ich denke, das beschreibt es in einem Wort. Dank des Titels habe ich etwas komplett anderes erwartet. Ich hatte mir den Klappentext nicht wirklich durchgelesen, weil mich der Titel einfach interessiert hat und ich mag es, wenn ich mich bei solchen Dingen überraschen lassen kann. 
Innerlich habe ich dann mit einer süßen Teenagergeschichte gerechnet, bei der sich die Hauptperson auf die Suche nach sich selbst macht. Unterstützt wird sie von einem heißen Typen, der natürlich immer wieder dazwischen funkt und zum Schluss gibt es die ganz große Liebe.
Bähm, weit gefehlt. Das war mir bereits nach wenigen Seiten klar, aber vielleicht war es genau das, was mich dann motiviert hat, weiter zu lesen. Das Buch war so ganz anders, als ich es erwartet hatte und ich wollte nun wissen, was stattdessen passierte.

Wie also schon gesagt, dreht es sich in diesem Buch keinesfalls um Teenager. Anette und Mick sind erwachsen: 31 Jahre alt, mitten im Leben und mit ungefährem Plan, wie es weitergehen soll. Doch dann begegnen sie sich und wie es nun einmal so ist, wird alles anders. Was mir hier sehr gefällt: Beide richten nicht ihr Leben nacheinander aus. Es ist also eine sehr natürliche Story, die sich an manchen Stellen langsam, an anderen Stellen rasend schnell entwickelt. Es ist ein hin und her des Tempos, was teilweise irritierend sein kann, aber auch das Leben darstellt. Wir haben nicht immer die Möglichkeit, alles im gleichen Tempo zu machen. Die schlimmen Dinge dauern meistens Ewigkeiten und die schönen Dinge vergehen in zwei Sekunden. So ist es auch hier im Buch und das gibt der ganzen Story einen echt realen Touch, der mir wunderbar gefällt. 
Hinzu kommt, dass es dieses Mal nicht der Typ ist, der Geheimnisse hat, sondern Anette, die etwas vor Mick versteckt. Zwar weiß der Leser schon sehr zeitig, woraus dieses Geheimnis besteht, aber das tut der Story keinen Abbruch. Ich persönlich habe mitgefiebert, wann es denn endlich so weit ist, dass sie ihm die Wahrheit sagt. Die komplette Wahrheit auch bitte. =)

Gut, da waren wir jetzt also bei den schönen Dingen des Lebens, jetzt muss ich wohl auch mal an die ernsten Dinge ran. Nämlich der Schreibstil. Den ersten Satz des Buches habe ich gefeiert. Fragt mich nicht, warum. Es kam einfach so gerade heraus, dass ich bestimmt fünf Minuten mein Handy angegrinst habe und mich gefreut habe, weil der Satz so toll ist.
Dementsprechend habe ich auch mit einem locker, flockigen Buch gerechnet. An manchen Stellen war das auch so, aber es gab sehr viele Stellen, an denen ich mir wirklich einen Kopf gemacht habe. Es wirkte auf mich so, als hätte die Autorin sich nicht richtig getraut. Wenn Anette fluchte, dann klang es immer so, als wenn ein kleines Kind anfängt, rumzumeckern, weil es sein Essen nicht schon auf dem Tisch stehen hat, sondern erst noch holen muss. Das war einfach viel zu vorsichtig und zurückhaltend, dass mir die Stellen einfach nicht echt rüberkamen. 
Ich hätte mir wirklich gewünscht, dass Anette endlich die Worte ausspricht, die ihr auf der Zunge liegen und nicht "Mist" sagt, wenn es "scheiße" war. 
Genauso war es bei Mick, der ja eigentlich mega der harte Kerl ist und dann flucht wie eine 12-Jährige. "Scheiße" ist doch kein schlimmes Wort. Lass die Charaktere doch einmal richtig fluchen. Das tut auch gut. Lass sie Himmel und Hölle zusammenschreien, wenn ihnen etwas nicht passt. Das wirkt authentischer, als so ein kleines "Mist" oder "Verdammt".
Aber das war nicht mein einziges Problem. Ich war glücklich, dass die Autorin Mick und Anette näher beleuchtet hat, aber Emma passte da gar nicht rein. Als Nebencharakter war sie toll, aber ihre Sichtweise war mir zu voll mit Klischees. Da ich noch nicht lange aus Emmas Alter rausbin, kann ich sagen, dass es definitiv nicht stimmt, wie sie dargestellt wurde. Auch als 12-Jährige hat man sehr komplexe Gedanken. Da hieß es nicht nur "Ich mochte ihn." Viel öfter steckt da mehr dahinter. Klar, der Verstand muss erst noch wachsen, man braucht Erfahrungen, um auf einen anderen Stand zu kommen, aber in Emmas Alter denkt man nicht mehr so. Die Stellen haben mich mega gestört, vielleicht gerade weil ich es noch so gut kenne.

An Charakteren gab es hier nicht sonderlich viele. Es gab Anette, Mick und Emma. Der Rest war irgendwie nur da zum Füllen.
Anette ist mir irgendwie sehr ähnlich, weshalb es mir sehr leicht fiel, mich mit ihr zu identifizieren. Sie kämpft für ihren Traum und opfert alles für die Menschen, die sie liebt ohne dabei ihren eigenen Kram zu vergessen. Obwohl sie voll beschäftigt ist mit ihrer Bäckerei, schafft sie es, Emma großzuziehen und sich mit Mick zu treffen. Natürlich, im Buch geht alles, aber sie wirkt nicht so, als würde ich das alles leicht fallen. Trotzdem schafft sie es und das lässt sie stark wirken. Mit erhobenem Kopf geht sie durch die Welt, obwohl es in ihr vielleicht gerade brodelt. Einzige Sache, die mich an ihr gestört hat, waren die Stimmungsschwankungen, die ich manchmal gar nicht nachvollziehen konnte. Da war so ein riesiges Fragezeichen in meinem Kopf, weil ich keinen Plan hatte, was die Autorin mir gerade sagen will.
Mick hingegen ist da gleich der ruhige Typ. Er scheint immer gute Laune zu haben, ist immer nett und freundlich, höflich und nur mal angepisst, wenn Anette ihn angelogen hat. Das passiert zwei Mal im Buch. Die restliche Zeit ist er ein bisschen wie eine Marionette. Er hat dieses Dauergrinsen im Gesicht und macht nur das, was ihm die Autorin sagt. Tut mir leid für die harten Worte, aber mir fehlte der Charakter, der ihn einzigartig macht. Seine Vergangenheit wurde zwar immer wieder erwähnt, dass man annähernd einen Eindruck bekam, was sie mit ihm gemacht hatte, aber sie zeigte sich nicht in seinem Verhalten. Zumindest nicht so, wie man es sich denken würde. Er hat Angst vor Bindungen, aber sonst? Sonst klappt das gesamte Leben und zieht an ihm mit einem lauten Lachen vorbei. Bei ihm hätte ich mir doch ein paar mehr Gefühlsregungen gewünscht.
Zu Emma kann ich nicht viel sagen. Wenn man sie aus Anettes oder Micks Sicht betrachtete, wirkte sie wirklich wie eine chaotische 12-Jährige, die ihren eigenen Kopf hatte. Aus dieser Perspektive mochte ich sie wirklich, weil sie Anette und Mick vereinte. Aber dann kam ihre eigenen Sicht, die dann so komplett in die Hosen ging. Das machte für mich ihren guten Charakter vollkommen zunichte, weil sie dadurch wie ein Kind klang, das gerade in die Schule gekommen ist. Schade, da aus Emma wirklich etwas schönes hätte werden können.

Beim Lesen ist es mir gar nicht so aufgefallen, aber es gibt eine Sache, die dieses Buch wirklich besonders macht. Die Autorin schafft es fast ohne Beschreibung die Szenarien zu erschaffen. An sich habe ich keine Ahnung, wie die Bäckerei von Anette aussehen soll, aber durch die ganzen Szenen, die sich dort abgespielt haben, die wie selbstverständlich beschrieben wurden, habe ich doch ein Bild in meinem Kopf. Genauso habe ich keinen Plan, wie Anettes Wohnung aussieht oder Micks Haus. Die Autorin lässt dem Leser sehr viel Platz, aber mir gefällt das unheimlich gut, denn ich liebe es, wenn ich keine Vorschriften bekomme, sondern mein Reich selbst zusammenbasteln kann. Einigen Personen mag das vielleicht fehlen, aber ich finde es genial.
Zum Cover möchte ich sagen, dass es sehr unauffällig ist, weshalb ich es wahrscheinlich nie in einer Buchhandlung anfassen würde, aber der Titel hat mich einfach überzeugt. Der Titel hat mich neugierig gemacht und ich wurde nicht enttäuscht. Vielleicht war es nicht das, was ich erwartet hatte, aber enttäuscht war ich keinesfalls.


"Erstens bist du anders und zweitens bist du du" ist ein gemütliches Buch für zwischendurch, das leider keinen so bleibenden Eindruck hinterlassen hat, wie ich vor dem Lesen gedacht hätte. Es ist eine normale Liebesgeschichte, die an sich ganz süß ist und sehr auf emotionaler Ebene gebaut ist. Dadurch kommen aber auch einige Probleme zum Vorschein wie der Charakter der Personen, der aufgrund der Gefühle verloren geht.
Auch der vorsichtige Schreibstil bewirkt leider nicht, dass ich als Leser Anette und Mick wirklich kennenlerne.
Für mich ist dieses Buch eine gute Urlaubslektüre, aber leider nicht mehr. Das nötige Tiefgang auf anderen Ebenen als der emotionalen fehlte mir doch etwas.

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